Hinterlasse einen Kommentar

Die vertrauliche Notiz inmitten der globalen Finanzkrise

confidential memo

am 22. August 2013 auf http://briankellysblog.blogspot.de

Übersetzung: WSE

Die vertrauliche Notiz inmitten der globalen Finanzkrise

Greg Palast’s Column
The Confidential Memo
By Greg Palast
http://m.vice.com/en_uk/read/larry-summers-and-the-secret-end-game-memo

Als ein kleines Vögelchen die “Endspiel”-Notiz durch mein Fenster hereinfallen ließ, war deren Inhalt so explosiv, so krank und böse, dass ich es einfach nicht fassen konnte.

Die Notiz war eine Bestätigung der Phantasien aller Verschwörungsfreaks: Dass sich in den späten 1990ern die Top US-Finanzfunktionäre heimlich mit einer kleinen Kabale von Banker-Bonzen dazu verschworen hatten, die Finanzregulierungen des gesamten Planeten zu sprengen. Wenn man auf 26,3% Arbeitslosigkeit in Spanien blickt, Verzweiflung und Hunger in Griechenland, Aufstände in Indonesien und Bankrott in Detroit – dann schaut euch noch einmal die „Endspiel“-Notiz an, die Genesis von Blut und Tränen.

Der Finanzfunktionär in dem geheimen Banker-Endspiel war Larry Summers. Heute ist Summers Barack Obamas erste Wahl für den Vorsitzenden der US Federal Reserve, der Welt-Zentralbank. Wenn die vertrauliche Notiz authentisch ist, dann sollte Summers nicht bei der Fed arbeiten. Er sollte für den kriminellen Wahnsinn der Finanzwelt in irgendeinem Kerker sitzen.

Die Notiz ist authentisch.

Ich musste nach Genf fliegen, um Bestätigung zu erhalten und ein Meeting mit dem Generalsekretär der World Trade Organisation, Pascal Lamy, zu arrangieren. Lamy, der Generalissimus der Globalisierung, sagte mir:

„Die WTO wurde nicht erschaffen als dunkle Kabale multinationaler Unternehmen, die geheime Ränke gegen die Menschen schmieden… Wir haben hier keine Zigarren rauchenden, reichen, verrückten Banker, die miteinander verhandeln.“

Dann zeigte ich ihm die Notiz.

Sie beginnt damit, dass Larry Summers Lakai, Timothy Geithner, seinen Boss daran erinnert, die Banken-Bonzen anzurufen, um ihren Lobbyisten-Armeen Marschbefehl zu erteilen:

„Jetzt wo wir  ins Endspiel der WTO-Finanzleistungsverhandlungen einsteigen, wäre es, glaube ich, eine gute Idee, wenn Sie sich mit den CEOs in Verbindung setzen würden…“

Um zu vermeiden, dass Summers wegen der Telefonnummern (die gemäß US-Gesetzgebung öffentlich registriert worden wären) sein Büro anrufen muss, listete Geithner die Privatnummern der damals fünf mächtigsten CEOs des Planeten auf. Hier sind sie:

Goldman Sachs: John Corzine (212)902-8281
Merrill Lynch: David Kamanski (212)449-6868
Bank of America: David Coulter (415)622-2255
Citibank: John Reed (212)559-2732
Chase Manhattan: Walter Shipley (212)270-1380

Lamy hatte Recht. Sie rauchen keine Zigarren. Also los, wählt die Nummern. Ich habe es getan und erhielt ein fröhliches, persönliches Hallo von Reed – fröhlich, bis ich bekanntgab, dass ich nicht Larry Summers war. (Anmerkung: Die Verbindung zu den anderen Nummern wurde schnell unterbrochen. Und Corzine ist nicht erreichbar, während er mit strafrechtlichen Anklagen konfrontiert wird.)

Es ist nicht das Schwätzchen der kleinen, von Summers und den Bankstern unterhaltenen Kabalenrunde, was so beunruhigend ist. Der Horror liegt im Zweck des „Endspiels“ selbst.

Lasst mich erklären:

Es war im Jahr 1997. Der US-Finanzminister Robert Rubin trat vehement dafür ein, die Banken zu deregulieren. Dies erforderte erstens die Aufhebung des Glass-Steagall Acts, um die Barriere zwischen den kommerziellen Banken und den Investmentbanken zu demontieren. Das war, als würde man die Schatzkammern der Banken gegen Roulettekessel austauschen.

Zweitens wollten die Banken das Recht, ein neues Spiel mit höchstem Risiko zu spielen: „Derivate-Handel“. JP Morgan allein würde bald schon $88 Trillionen dieser Pseudo-Wertpapiere als “Vermögenswerte” in ihren Büchern haben.

Der stellvertretende Finanzminister Summers (der Rubin bald als Minister ersetzen würde) blockierte jeglichen Versuch der Kontrolle von Derivaten.

Aber was war der Sinn und Zweck davon, US-Banken in Derivate-Casinos umzuwandeln, wenn das Geld in Länder mit sicheren Bankengesetzen entfliehen könnte?

Die Antwort der Big Bank Five: Eliminierung der Kontrolle über die Banken weltweit – mit einem einzigen Handstreich. Das war genauso brillant wie wahnsinnig gefährlich.

Wie konnten sie dieses verrückte Ding durchziehen? Summers und die Banker benutzten das Financial Service Agreement (oder FSA), eine schwerverständliche und gutgemeinte Ergänzung der internationalen Handelsabkommen, die von der World Trade Organisation kontrolliert werden.

Bis die Banker ihr Spiel begannen, befassten sich die WTO-Abkommen einfach mit dem Handel von Waren – was bedeutet: meine Autos gegen deine Bananen. Die neuen von Summers und den Banken entwickelten Regulierungen würden alle Nationen zwingen, den Handel mit “Schlechtem” zu akzeptieren – toxische Vermögenswerte wie Finanzderivate.

Bis zur Umformulierung des FSA durch die Banker kontrollierten und charterten die Banken innerhalb ihrer eigenen Grenzen. Die neuen Spielregeln würden alle Nationen zwingen, ihre Märkte für Citibank, JP Morgan und deren derivative „Produkte“ zu öffnen.

Und alle 156 Nationen innerhalb der WTO würden ihre eigenen Glass-Steagall-Divisionen unter kommerzielle Sparkassen und jene Investmentbanken werfen müssen, die mit Derivaten handeln.

Die Aufgabe, das FSA zum Rammbock der Banker zu machen, wurde an Geithner übergeben, welcher zum Botschafter der WTO ernannt wurde.

Banker go Bananas

Warum in aller Welt sollte irgendeine Nation einwilligen, ihr Bankensystem von Finanzpiraten wie JP Morgan entern und kapern zu lassen?

Im Falle von Ecuador war die Antwort: Bananen. Ecuador war wirklich eine Bananenrepublik. Die gelbe Frucht war für die Nation die Überlebensquelle harter Währung. Hätte sie sich geweigert, das neue FSA zu unterzeichnen, hätte Ecuador seine Bananen an Affen verfüttern und zurück in den Bankrott gehen können. Ecuador unterzeichnete.

Und so weiter – alle Nationen wurden gezwungen zu unterzeichnen.

Alle Nationen außer einer, besser gesagt. Brasiliens neuer Präsident, Inacio Lula da Silva, weigerte sich. Als Vergeltungsmaßnahme wurde Brasilien vom EU-Handelsbeauftragten, Peter Mandelson, ein virtuelles Embargo seiner Produkte angedroht – laut einer weiteren vertraulichen Notiz, die mir in die Hände gefallen ist. Aber Lulas Verweigerungshaltung zahlte sich für Brasilien aus; es war die Nation, welche – als einzige der westlichen Nationen – während der Bankenkrise 2007-2009 überlebte und gedieh.

China unterzeichnete – stellte aber im Gegenzug gnadenlose Forderungen. Es öffnete seinen Bankensektor einen Spalt weit, um Zugang zu und Kontrolle über den US-Markt für Autoteile sowie andere Märkte zu haben. (Rasch verlagerten sich zwei Millionen US-Jobs nach China.)

Das neue FSA öffnete den Deckel zur Büchse der Pandora des weltweiten Derivatehandels. Unter den berüchtigten legalisierten Transaktionen: Goldman Sachs (wo Finanzminister Rubin stellvertretender Vorsitzender war) arbeiteten einen geheimen Euro-Derivate-Tausch mit Griechenland aus, welcher diese Nation letztlich zerstörte. Ecuador – der eigene Bankensektor dereguliert und zerstört – versank in Aufständen. Argentinien musste seine Ölfirmen (an Spanien) und Wassersysteme (an Enron) verkaufen, während seine Lehrer in Mülltonnen nach Nahrung suchten. Dann sprangen die wildgewordenen Banker in der Eurozone kopfüber ins Derivate-Pool, ohne schwimmen zu können – und nun wird der Kontinent in kleinen, billigen Stücken an Deutschland abverkauft.

Natürlich wurde das FSA nicht nur aufgrund von Drohungen verkauft, sondern auch aufgrund von Versuchung. Schließlich beginnt das Böse immer mit einem Biss vom durch die Schlange angebotenen Apfel. Der Apfel: die schimmernden Verlockungen des Mammons, für die lokale Elite versteckt in der FSA. Die Schlange nannte sich Larry.

Rührt all dieses Böse von einer einzigen Notiz her? Natürlich nicht: das Böse war Das Spiel selbst, wie es von der Banker-Clique gespielt wurde. Die Notiz offenbarte nur ihren Spielplan zum Schachmatt.

Und die Notiz enthüllt viel über Summers und Obama.

Während Milliarden armer Seelen immer noch an dem weltweiten, von den Bankern verursachten Desaster leiden, ist es Rubin und Summers nicht so schlecht ergangen. Rubins Deregulierung der Banken erlaubte die Erschaffung des Finanzmonsters namens „Citigroup“. Innerhalb von Wochen nach dem Verlass seines Büros wurde Rubin zum Direktor ernannt, dann zum Vorsitzenden der Citigroup – welche bankrott ging, als sie Rubin eine Summe von $126 Mio. auszahlte.

Dann übernahm Rubin einen anderen Posten: als Gönner während des Schlüsselwahlkampfs eines jungen Senators, Barack Obama. Nur wenige Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten verlieh Obama auf Rubins Drängen hin Summers den eigentümlichen Posten des US „Wirtschaftszaren“ und machte Geithner zu seiner Zarin (d.h. zum Finanzminister). Im Jahr 2010 gab Summers seine royalistische Robe auf, um „beratend“ für Citibank tätig zu werden sowie für andere Schöpfungen der Bankenderegulierung, deren Zahlungen Summers Vermögenswert seit der „Endspiel“-Notiz auf $31 Mio. angehoben haben.

Dass Obama nun auf Robert Rubins Verlangen hin Summers zum Leiter des Direktoriums der Federal Reserve ernennen würde, bedeutet leider, dass wir uns noch lange nicht am Ende des Spiels befinden.

Speziellen Dank an die Expertin Mary Bottari von Bankster USA www.BanksterUSA.org ohne die wir unsere Nachforschungen nicht hätten starten können.

Der Film meines Treffens mit dem WTO-Chef Lamy wurde ursprünglich für Ring of Fire gemacht, veranstaltet von Mike Papantonio und Robert F. Kennedy Jr.

Weitere Diskussion der Dokumente, welche ich Lamy vorlegte, ist zu finden in “The Generalissimo of Globalization,” Kapitel 12 in Vultures’ Picnic von Greg Palast (Constable Robinson 2012).

Mehr zu diesem Thema bei Greg Palast
http://www.gregpalast.com

Update 13.09.2013:

Alle Kommentare werden moderiert und grundsätzlich einmal täglich freigegeben. Wenn du deinen Kommentar nicht sofort siehst, wurde er wahrscheinlich noch nicht geprüft. Wir geben jedoch keine Garantie, dass jeder Kommentar freigegeben wird. Fairness, Respekt und ein freundlicher Umgangston sollten sich für die Kommentatoren von selbst verstehen. Um allen ein übersichtliches Lesen und Verstehen der Kommentare zu ermöglichen, bitte themenbezogen und/oder im Austausch mit anderen Kommentatoren posten. Auch für Kommentare mit allgemeinen Weisheiten, Musikvideos, themenfremden Links o.ä. geben wir keine Garantie auf Freigabe, vor allem bei Wiederholung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: