4 Kommentare

Erwachen

wald farnQuelle: www.wortmalereien.com

Erwachen

Tief im Schoße der Großen Mutter lag er, Gono, stumm und blind, und harrte der Dinge. Er konnte nicht viel fühlen außer der Starre, die ihn umgab, und selbst die hätte er nicht zu benennen vermocht. Er wusste nichts über das Leben und nur wenig über sich selbst. Da er weder spürte, wo sein Körper anfing noch wo er aufhörte, hatte er keine Vorstellung von seiner Größe. Meist war er einfach nur da und verbrachte dieses Dasein damit, zu schlafen. Und doch hatte er dann und wann eine schwache Ahnung von etwas Machtvollem, etwas Großem. Nur dass er sich dabei keinen Begriff davon machte, ob dieses Große etwas innerhalb oder außerhalb seiner selbst war.

Er war nicht allein, doch das bemerkte er nicht. Die Lebensformen in seiner Umgebung riefen ihn beim Namen, aber er verstand nicht. Er hatte ja keine Ahnung, dass er einen Namen hatte. Wie viele der kleinen und großen Lebewesen, die hier in Kälte und Finsternis zusammen lebten, wären gern seine Spielgefährten gewesen. Hätte er zu spielen vermocht. Und so blieb er reglos und verschlief Äonen. Er träumte manchmal, erinnerte sich aber kaum daran. Nur selten folgte ihm ein Abglanz seiner Träume von Farben und Formen in sein Dämmerdasein zwischen den Schläfchen. Sein Geist konnte diese einfach nicht lange genug festhalten, um daraus Begriffe zu formen.

Als das Andere eines Jahrtausends begann, wusste er nichts Rechtes damit anzufangen. Da war etwas, und über die Existenz dieses Etwas wurde er sich auch seiner eigenen Existenz mehr und mehr bewusst. Die Erkenntnis, dass da noch etwas außer ihm war, löste zunächst Erstaunen in ihm aus. Und dieses brachte eine völlig neue Qualität in sein Dasein. Es war wie ein erstes Aufhorchen. Gono richtete seine Aufmerksamkeit darauf, so gut es eben ging. Es fiel ihm nicht leicht nach der langen Zeit des Dahindämmerns.

Nachdem er dem Erstaunen genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wandte er sich wieder dem Anderen zu. Was war es? Eines hatte er recht bald heraus: Es musste klein sein, zumindest fühlte es sich so an. Und so wusste Gono nun, dass er selbst größer war. Und wenn er größer war als das Kleine, das er fühlen konnte, dann nahm es Raum ein in ihm. Eindeutig, es befand sich in seinem Inneren. Ganz anders als dieses Mächtige, Große, das er nicht orten konnte, von dem er aber wusste, es war da. Das Kleine war in ihm, aber es war nicht er.

Das Kleine begann sich zu bewegen. Das, was seine Bewegungen bei Gono auslöste, wurde immer stärker. Es wächst, schloss Gono daraus. Wird es eines Tages so groß sein wie ich? Oder noch größer? Dies war der Tag, an dem Gono Bekanntschaft mit der Angst machte.

Das Kleine streckte sich stetig mehr aus, und es begann, etwas auszubilden, das Gono kitzelte. Es war etwas Feines, Zartes, und es wurde täglich mehr. Dieses Feine, und zwar sehr viel davon, suchte sich seinen Weg ins Innere Gonos. Wo wächst es hin? Gono wurde immer neugieriger.

Und dann kam der Tag einer ganz besonderen Entdeckung. Denn Gono stellte fest, dass da noch mehr von diesen kleinen Anderen waren. Es waren viele, unzählige, und sie legten alle täglich an Größe zu. Sie kitzelten und durchbohrten ihn, sie nahmen mehr und mehr Raum ein. Sie verdrängten Raum, der vorher nur ihm allein gehört hatte. Was geschieht hier, was passiert? Gono wollte verstehen, aber er war ratlos. Etwas ging vor sich, und er begriff nicht, was. So etwas hatte es noch nie gegeben. An diesem Tag erkannte Gono, dass es viel gab, worüber er noch nichts wusste.

Doch Gono begann schließlich, sich langsam an die neue Situation zu gewöhnen. Das heißt, er fand sich damit ab, dass etwas vorging, das er nicht ganz verstand. Da waren neue Lebensformen, und die wuchsen in seinem Inneren, sie beanspruchten Raum, und zwar immer mehr. Gut. Aber Gono war auch immer noch da. Er war nicht weniger präsent geworden, und er hatte auch nicht an Kraft verloren. Es war also möglich, nebeneinander zu existieren. Oder miteinander. Wie man es drehte und wendete, es funktionierte jedenfalls.

So staunte Gono nur mehr schwach, als sich die Situation wieder leicht veränderte. Er bemerkte, dass die Kleinen nun etwas an ihrer Bewegungsrichtung veränderten. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin hatten sie begonnen, sich alle gemeinsam in eine bestimmte Richtung zu strecken. Und zwar nach oben. Gono wurde zum ersten Mal auf das Oben aufmerksam, denn bisher hatte es nur das Hier gegeben. Was war dort oben? Warum strebten sie dort hinauf? Mehr noch, er begann sich zu fragen, ob die Kleinen ihn nun etwa verlassen wollten. Er war hier, und sie gingen dorthin. Diese Entdeckung wiederum ließ sein altes Herz schneller schlagen. Jetzt, da er sich doch schon etwas an sie gewöhnt hatte, bemerkte er, dass es einen Unterschied gab zwischen heute und früher. Der Unterschied war, dass er nun nicht mehr allein war.

Was also sollte nun werden? Weshalb veränderte sich alles stetig?

Warum blieben sie nicht bei ihm? War es nicht gut gewesen, so wie es war? Die Zeiten waren einfach anders geworden, zu anders. Zu schnelllebig für Gono, den gemütlichen Alten. Was heute war, galt morgen nicht mehr. Wo sollte das noch hinführen?

wald2Er beobachtete also mit banger Neugier das Aufwärtsstreben seiner Kleinen. Etwas in ihm wollte sie fragen, ihnen etwas zurufen, wie sie so an ihm vorbeiwuchsen. Aber er wusste nicht, wie er das anstellen sollte. Wohin geht ihr? Das hätte er sie gern gefragt. Gebt Acht auf euch, das hätte er ihnen gerne gesagt.

Und so machte er sich weiter seine Gedanken. Gab es eine Welt dort oben? Gab es noch etwas anderes als die Geborgenheit der hiesigen Existenz? Waren da noch andere Zustände, in denen man verharren konnte? Noch mehr Richtungen, in die man gehen konnte? Gono kannte nun das Hier und das Oben. Was hätte er gesagt, hätte er damals schon das Rechts, das Links, das Unten erkannt? Ganz zu schweigen vom Vor und Zurück. Aber dazu war jetzt nicht die Zeit. Er haderte noch mit dem Oben und überlegte, ob seine Kleinen sich vielleicht alle irrten und einer Täuschung erlegen waren. Bleibt doch, dachte er.

Aber sie blieben nicht, und er ließ sie schließlich gehen. Das Einzige, was sie ihm daließen, war ein feines Gespinst, jenes, welches ihn anfangs so gekitzelt hatte. Sie schienen es nicht mehr zu benötigen. Oder doch? Für den Fall, dass dies so war, entschloss er sich, das Gespinst gut zu behüten. Er bettete es sorgsam in sich ein und nährte es. Er gab ihm vom Besten, das er hatte. Er liebte seine Kinder, ohne noch irgendwelche Bedingungen zu stellen. Und seine Kinder dankten es ihm, denn sie wuchsen immer weiter, sie wurden stärker und mächtiger. Sie setzten alles daran, aufwärts zu streben und den Horizont zu durchstoßen. Auch wenn sie noch nicht wussten, was ihrer dort harrte.

Und eines Tages erreichten die ersten von ihnen den Horizont. Die Mutigsten taten den letzten nötigen Schritt und durchbrachen ihn. Als sie die Fülle sahen, die sie erwartete, ermutigten sie die anderen, ihnen zu folgen, und sie taten es. War das eine Freude! Da war Licht, da war Luft, da war Raum zum Entfalten! Und diese wunderbare Große Gelbe, die neue Mutter! Wie freudig sie sie empfing. Die Kleinen jubilierten und streckten ihr die Ärmchen entgegen, so weit sie nur konnten. Sie wuchsen weiter, immer weiter, sie wollten nie mehr aufhören zu wachsen. Sie tranken das Licht und die Luft und leiteten sie hinab in das Gespinst, das noch tief unten im Dunkel ruhte. Und Gono? Er empfing die Fülle, die seine Kleinen ihm hinabsandten in die schattige Kühle. Und nun war es das Gespinst seiner Kleinen, das wiederum ihn nährte. Und dies schenkte ihm soviel Freude, dass er endlich verstand und sah, wie gut alles war.

Er dankte der Großen Mutter, in der er immer noch ruhen durfte, und er richtete sein Bewusstsein auf sie sowie auch auf seine Kinder dort oben. Und er spürte, wie das Geben und Nehmen sie alle miteinander verband. Schließlich hatte die Große Mutter durch ihn, Gono, den Wald geboren.

wald3

4 Kommentare zu “Erwachen

  1. @ Océane
    Ich übernehme deine Vision in meinen blog unter bumi bahagia = glückliche Erde.
    Es ist neu, dass ich einen Blog führe. Weil ich meinen Bekanntenkreis mit meinen Verschwörungstheorien nur genervt habe, entschloss ich mich zum bloggen. Zurzeit sammle ich eine Menge aufklärender Beiträge, was das Weltgeschehen betrifft. Doch – noch nicht zu erkennen, wenn man den blog anschaut – will ich das Schwergewicht auf bumi bahagia legen, also Beiträge veröffentlichen, welche die neue Erde stärken. Ideen vom besseren Kartoffelanbau über Tauschgemeinschaften bis hin zu Gewinnung freier Energie.
    Nochmal Dank für deine Arbeit.
    thom ram
    thomasramdasvoegeli.com

  2. Ihr lieben dankeschön <
    Finde dieses sehr treffend….
    " Und er spürte, wie das Geben und Nehmen sie alle miteinander verband."
    ES ist ein fliessen….der Energien….."GEMEINSAM"……eins bedarf des anderen….
    Schwarz und Weiß
    verschmilzt….ins EINS– um die Treppe des LICHTS Stufe für Stufe zu ersteigen… ERkennen seiner eigenen parallelen "ICHS"…."WER BIN ICH"?
    da wir multidim schwingen… 😉
    Unbewusst…wird oft das Spiegelbild..angeprangert..im kleinen wie im grossen—..Chance zum ERkennen…Remember…Kind des Universums– 😉
    alles liebe<3<3<3

  3. Hallo Ihr Lieben!

    Video von Neil Keenan (Zugangscodes zu den black-grey screens sprich digitale Gelddruckmaschinen).
    Leider Englisch aber vielleicht könnte jemand übersetzen;danke im Voraus!

  4. Sehr schön. Ja, sehr schön. Danke!

Alle Kommentare werden moderiert und grundsätzlich einmal täglich freigegeben. Wenn du deinen Kommentar nicht sofort siehst, wurde er wahrscheinlich noch nicht geprüft. Wir geben jedoch keine Garantie, dass jeder Kommentar freigegeben wird. Fairness, Respekt und ein freundlicher Umgangston sollten sich für die Kommentatoren von selbst verstehen. Um allen ein übersichtliches Lesen und Verstehen der Kommentare zu ermöglichen, bitte themenbezogen und/oder im Austausch mit anderen Kommentatoren posten. Auch für Kommentare mit allgemeinen Weisheiten, Musikvideos, themenfremden Links o.ä. geben wir keine Garantie auf Freigabe, vor allem bei Wiederholung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: