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Adenauer’s friendly call / Adenauers Freundschaftsbesuch

Letzte Woche bin ich auf dieses Fundstück aufmerksam geworden, ein Text/Artikel aus dem Archiv von THE SPECTATOR. „Spectator“ würde man übersetzen mit „Zuschauer“.

 

„The Spectator ist eine wöchentliche britische Zeitschrift für Politik und Kultur mit Sitz in London. Sie erscheint seit 1828 und ist damit das älteste noch existierende Magazin in englischer Sprache. The Spectator gilt als „Referenzblatt konservativer Intellektueller und legt Wert auf präzise Analysen, kontroverse Inhalte und einen originellen und eleganten Stil.

Die Zeitschrift gehört ebenso wie die konservative Tageszeitung The Daily Telegraph und das Kunstmagazin Apollo der Press Holdings von David und Frederick Barclay. Herausgeber ist seit 2009 Fraser Nelson, der bereits für The Scotsman und The Times arbeitete. Unter seinen Vorgängern waren Iain Macleod, Nigel Lawson und Boris Johnson, allesamt Politiker der Conservative Party.“

http://de.wikipedia.org/wiki/The_Spectator_(Zeitschrift)

ADENAUER’S FRIENDLY CALL / ADENAUERS FREUNDSCHAFTSBESUCH

Aus dem Archiv von The Spectator, 13. NOVEMBER 1959, Seite 3

http://archive.spectator.co.uk/article/13th-november-1959/3/adenauers-friendly-call

Übersetzung: patrizia

 

Bild 83

Dr. ADENAUER kommt her um Freundschaften zu schließen und um Zeit zu gewinnen. Es könnte zu unserem Vorteil sein, ihm bei beidem zu helfen. Bis jetzt hing die gesamte Auslandspolitik der Bundesrepublik Deutschland von amerikanischen Freundschaften ab. Und was in Bonn als die Hallstein-Doktrin bekannt ist, nach ihrem Erfinder – der Vorschlag, daß jegliche Staaten, die das Kommunistische Deutschland anerkennen, wiederum nicht von der Bundesrepublik Deutschland anerkannt werden können, diese Doktrin  ist nun ein Klotz am Bein der Bundesregierung, hoffnungslos abweichend von den neuen amerikanischen Ideen. Die Amerikaner werden Deutschland davon befreien, mit oder ohne deutsche Zustimmung. Da keine neue Politik in Sicht ist, und es schwierig zu erkennen ist, wie ein Konzept, das „so kompromisslos“ ist, geändert werden kann, muss Dr. Adenauers Reaktion in den Verhandlungen sein, auf Zeit zu spielen, in der Hoffnung, daß sich die Situation ändern möge – und daß die allgemeine Öffentlichkeit in Deutschland Zeit hat, sich an die neuen Ideen zu gewöhnen. Wie so oft zuvor kann die Regelung Europas nur erreicht werden auf Kosten der Deutschen. Die Zukunft Deutschlands, möglicherweise für den Rest dieses Jahrhunderts, muss von Außenstehenden entschieden werden; und die einzigen, die das nicht wissen, sind die Deutschen. Kanzler Adenauer hat seinen Leuten die falsche Vorstellung aufgezwungen, daß er allein verantwortlich sei für deren erfreuliche Finanzlage, und hat sie ermutigt, Wohlstand zu verwechseln mit der Macht über ihr eigenes Schicksal. Nun muss er die Konsequenzen tragen: daß die Amerikaner, um ihr Gesicht zu wahren, der de facto-Anerkennung der mit dem absurden Namen versehenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zustimmen werden; es erlauben werden, daß die Oder-Neiße-Grenze die Grenze zwischen der DDR und Polen sein wird, worauf sich wiederum nicht länger tröstlich als polnisch-verwaltete deutsche Gebiete bezogen wird; und daß Berlin zu einer freien Stadt mit UN-Beobachtern gemacht wird. Alles, was in Dr. Adenauers Macht liegt, ist dafür zu sorgen, daß die Verhandlungen sich so lange wie möglich hinziehen, um der Öffentlichkeit Gelegenheit zu geben, das Unvermeidbare zu akzeptieren.

Dieser Teil seiner Mission wird möglicherweise wenig Sympathie für Dr. Adenauer in London wecken. Aber es gibt noch andere Angelegenheiten, bei denen die Briten in der Lage sind, dem Kanzler zu helfen; und im Sinne guter Beziehungen darf man hoffen, daß ihm geholfen wird, denn wenn Adenauers Partei die nächste Wahl verliert, könnte das Ergebnis eine sozialistische Regierung sein – das würde wiederum mit großer Wahrscheinlichkeit zu schwachen und unentschiedenen Koalitionen führen und zu einer allmählichen Ablehnung der Bedingungen der Zwanzig.

Ebenso wichtig wie Zeit zu gewinnen ist die Frage, wie die Verhandlungsergebnisse formuliert werden. Wenn ein Weg, das Gesicht zu wahren, gefunden werden kann um die brutalen Fakten zu relativieren, und wenn die deutschen Verluste als unvermeidbares Opfer im Namen des Friedens dargestellt werden können, dann kann eine stabile Regierung in Westdeutschland überleben – eine Angelegenheit, die sowohl in unserem Interesse ist wie auch in dem der Deutschen.

Deutscher Trost für die großen Gebietsverluste kann ebenfalls nur ein fortgesetzter und zunehmender Wohlstand sein; und um dies sicherzustellen wird der Kanzler weniger wankelmütige Freunde wie die Franzosen brauchen. Adenauer gehörte bis zum heutigen Tage nicht zu den Geschäfts- und Bankengruppen, die den Freihandelsmarkt der „Sieben“ (‚Seven‘)  als Bedrohung ansahen. Aber er wurde schrittweise unterrichtet über die eigentümliche/idiosynkratische Interpretation der Franzosen gegenüber dem Vertrag über einen Gemeinsamen Markt. Zweifellos widerstrebend sucht Kanzler Adenauer einen Weg aus seinen exklusiven Freundschaften heraus und möchte neue Freundschaften schließen. Es ist in Britanniens Interesse, ihn nicht zu enttäuschen.

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