nature-670025Sie überfallen mich ganz plötzlich, diese Momente, in denen mein Blick tastend die Umgebung scannt und mein Gehirn (oder ist es mein Herz?) Gedanken-impulse einer sehr unangenehmen Befremdung produziert.

Wie kam es dazu, dass wir als Spezies Mensch – Wesen ausgestattet mit Intelligenz und Seele – so leben, wie wir heute leben?

Ich weigere mich zu glauben, es sei immer so gewesen, dass unsere Rasse den Planeten rücksichtslos ausgebeutet und missbraucht, bis aufs Mark (und noch tiefer) verletzt, seine Geschöpfe massakriert und den nachfolgenden Generationen ein Erbe von Müll und Zerstörung hinterlassen hat, das in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen sucht. Dies alles mit der schalen Begründung, so wäre das Leben nun einmal – der Stärkere gewinnt.

Wie soll ich meinen Kindern erklären, warum der Planet so aussieht, wie er es tut? Und warum wir ihn durch unsere ‚hochzivilisierte‘ Lebensart derart zugerichtet haben, dass es Generationen dauern würde, seine Wunden zu heilen, selbst wenn wir alle JETZT SOFORT damit anfangen würden?

Sie beginnen schon zu fragen. Es sind Fragen dabei, die ich auf Anhieb nicht so einfach beantworten kann.

Was werden sie tun an dem Tag, an dem sie die ganze Wahrheit begreifen?

Ich erinnere mich noch zu gut an den Schmerz, den ich in meiner Kinderseele fühlte, als ich erfahren habe, was auf unserer Erde mit den Tieren gemacht wird. Es war ein tiefer, schwarzer, erstickender Schmerz, und er dauerte lange an. Es war Verzweiflung.

Doch zurück zu meiner Frage: Wie kam es dazu? Wann hat die Spezies Mensch – oder genauer: wann hat der erste Mensch begonnen, seine Verbindung zu der Gemeinschaft aller lebenden Wesen zu vergessen und kein MITGEFÜHL mehr dabei zu empfinden, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt?

Gab es ein bestimmtes Ereignis, das dies bewirkt hat?

Ich stelle diese Frage aus dem Grund, weil die Erde ja ganz offensichtlich einmal gediehen ist. Weil die friedliche, respektvolle Koexistenz zwischen Mensch und Natur ganz offensichtlich einmal stattgefunden hat – sonst hätten Flora und Fauna nicht die Schätze hervorbringen können, wie sie es taten – und wie wir sie auch heute (noch) vorfinden.

Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass wir uns so viel mehr vom Planeten nehmen als wir brauchen?

Wie soll ich ihnen erklären, was in unseren automatisierten Tierfabriken und Schlachthäusern mit den Tieren getan wird? Und dass wir tatsächlich imstande sind, uns das Fleisch dieser massakrierten Geschöpfe auch noch einzuverleiben?

Wie soll ich ihnen erklären, dass Millionen von Jacken mit Pelzbesätzen gekauft werden, die kleinen, kuscheligen Felltieren bei vollem Bewusstsein vom lebendigen Leib gerissen werden?

Ja, das sind unschöne Themen, ich weiß. Man möchte gern weiterblättern, aufhören zu lesen. Es tut weh.

Neulich brachte ich den gelben Sack mit unserem Plastikmüll zur Deponie. Eine sauber aufgeräumte Deponie – hier gelbe Säcke, dort Glas, fein säuberlich nach Farbe sortiert, da drüben die Tonne für den Elektroschrott, und hier die größeren Haushaltsgegenstände, die man so wegschmeißt. Der Boden ordentlich asphaltiert, denn in Schlamm und Matsch will ja niemand seinen Müll abladen.

Je näher ich dem Berg mit den Müllsäcken kam, desto ekelhafter wurde der Gestank. Ich legte den Sack ab und zögerte. Ein Impuls war, mich schnell umzudrehen und wegzufahren. Ich mag sie nicht sehen, und schon gar nicht riechen, die Überreste unseres zivilisierten Lebens, die Ausgeburten unserer Haushalte, die stummen Zeugen unseres Übermaßes und unserer Bequemlichkeit.

Und ich begann mich zu schämen. Das ist es also, was übrig bleibt? Das also hinterlassen wir der Umwelt und unseren Nachkommen, und dies ist es, was wir der Natur zurückgeben, nachdem wir sie für unsere Wohlstandszwecke missbraucht haben?

Ich finde, jede Schulklasse sollte Ausflüge zu den Müllkippen ihrer Region machen. Sie sollen genau hinsehen und riechen können. Und genauso sollten Kinder irgendwann gezeigt bekommen, wie in der Massentierhaltung das Fleisch produziert wird, das sie essen. Sie sollen die Chance bekommen, sich zu entscheiden, bevor sie abgestumpft sind.

Dennoch – ich bin Teil von all dem. Ich esse zwar mittlerweile kein Fleisch und konsumiere seit acht Jahren kein Fernsehprogramm mehr, doch genieße ich trotzdem den allerseits üblichen Komfort unseres Wohlstandslebens. Ich wurde hineingeboren in eine Zivilisation und in eine Tradition, in der man normalerweise nicht mehr allzu viele Fragen stellt. In der selbst die Giftspuren an unserem Himmel nicht mehr als das erkannt werden, was sie sind, weil die meisten Menschen gar nicht mehr wissen, wie natürliche Wolken aussehen.

Also versuche ich, Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht so einfach, wenn man sich bewusst wird, dass man als ‚normaler‘ Konsument kaum mehr einen Schritt tun kann, ohne gegen das Gesetz von Respekt und Mitgefühl gegenüber der Schöpfung zu verstoßen. Also ist einer der ersten Schritte auf diesem Weg abgrundtiefe Scham für das, was wir als menschliche Rasse getan haben.

Ich werde trotzdem weitermachen. Denn mir wird jeden Tag bewusster, dass ich wichtig bin. Dass es auf mich ankommt. Dass ich einen Unterschied ausmache. Und dass es täglich mehr werden, die genauso empfinden.

Es tut mir unendlich Leid, geliebte Mutter Erde.

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