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Die Zypresse und das Meer – Eine Geschichte vom Suchen

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Quelle: https://wortmalereien.com

Inmitten einer kleinen Gruppe von Bäumen hatte die Zypresse ihren Platz direkt am Meer, fest verwurzelt im kargen Gesteinsboden einer steil abfallenden Küste. Als sie das Licht der Welt erblickte und ihren ersten Atemzug tat, sog sie die Luft tief in sich ein und spürte die kraftvolle Frische bis in ihre Astspitzen dringen. Hinter ihr das staubige Festland, vor ihr die schillernden Bewegungen der Wellen und über ihr ein blauer, unglaublich weiter Himmel – so wuchs der kleine Baum auf, sanft gehalten durch die lebendige Gemeinschaft mit den Elementen.

Das Leben war gut zu der Zypresse und versorgte sie reichlich mit allem, was sie brauchte, um stetig gedeihen zu können. Das üppige Sonnenlicht und die frische Meeresbrise formten sie zu einem schlanken, hohen Baum, der stolz und aufrecht stand und den kleinen Tieren in seinen Zweigen Schatten und Zuflucht bot. Wohl rissen manchmal heftige Sturmböen an ihr und an den besonders heißen Sommertagen fühlte sich ihre ausgedörrte Rinde an, als würde sie jeden Moment zerspringen. Doch konnte dies die unbändige Lebensfreude des jungen Baumes nicht im Geringsten mindern. Er wusste ja, dass nach jedem feuchtkalten Sturm die kraftvollen Strahlen der Sonne wiederkommen würden, um ihn zu streicheln und dass nach einer Hitzeperiode auch der nächste Regen folgte – irgendwann. So lernte die Zypresse, Vertrauen ins Leben zu haben und sich hingebungsvoll im Rhythmus des Windes zu wiegen.

So verbunden sich die Zypresse auch mit allem sie umgebenden Leben fühlte, so galt ihre größte Liebe doch dem Ozean selbst. Wahrscheinlich, weil er es war, den sie als ersten erblickt und dessen Duft sie mit ihren Blättern aufgenommen hatte damals, als sie zum Leben erwacht war. Und so stand sie an ihrer Klippe, reckte dem Meer ihre Äste entgegen und wünschte sich nichts sehnlicher, als zu ihm kommen zu können. Die Zypresse malte sich aus, wie schön es sein müsse, ihre Zweigspitzen in das kühle Nass tauchen und die trockene Rinde mit ihm befeuchten zu können. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang beobachtete sie die Meeresvögel, die Delphine und sogar die Schildkröten am Strand bei ihrem Spiel mit den silbernen Wellen und beneidete sie um ihre Freiheit, sich dorthin bewegen zu können, wohin sie fliegen, schwimmen oder kriechen wollten. Zu jedem Zeitpunkt, an dem sie es wünschten, konnten sie sich mit dem Meer vereinigen.

Zypresse und MeerAuch faszinierten die Wellenbewegungen des Meers selbst den jungen Baum über alle Maßen. Das Wasser stand niemals still, tanzte zu den Kräften der Gezeiten und schlüpfte selbst in die schmalste Felsspalte. Es umspülte die mächtigen, alten Felsen ebenso wie die kleinsten Kieselsteine am Strand. Die Zypresse liebte es, wenn das Meer, aufgewühlt von Wind und Sturm, sich aufbäumend in den Himmel warf und bewunderte seine im Licht der untergehenden Sonne sanft funkelnden Wellen. Wenn das Wasser seine schaumgekrönten Ausläufer an den Strand schickte, wo sie spielerisch die Füße der Strandläufer umspülten, wünschte sich der junge Baum von ganzem Herzen, nur ein einziges Mal vom Meer auf dieselbe Weise liebkost zu werden wie sie.

Je länger die Zypresse all dies beobachtete, desto größer wurde ihre Sehnsucht nach dem Ozean, und irgendwann gab es nichts, das in ihren Gedanken so viel Raum einnahm wie die Vorstellung, mit diesem zu verschmelzen. Es gab sogar Tage, an denen die Zypresse ihre Wurzeln verwünschte, weil diese sie an ein und derselben Stelle festhielten und so verhinderten, dass sie sich auch nur einen Millimeter ihrem geliebten Meer nähern konnte. Wusste der junge Baum doch instinktiv, es würde seinen Tod bedeuten, sich von ihnen zu trennen.

So begann die Zypresse, sich gegen den Widerstand des vom Meer kommenden Windes zu stemmen und dem Wasser entgegenzuwachsen. Den Menschen, die an jene Klippen kamen, bot sich ein bizarrer Anblick: Während alle anderen Bäume, vom Wind geformt, ihre Zweige leicht in Richtung Festland reckten, wuchsen die Zweige der jungen Zypresse dem Meer entgegen. Ob sie wohl ahnten, wie groß die Sehnsucht des Baumes nach dem Ozean war?

Dann, eines nachts im Winter, brach ein Gewitter über die Küste herein, wie die junge Zypresse es bisher noch nicht erlebt hatte. Der eiskalte Meereswind peitschte in harten Böen über den Baum hinweg, doch wie es seine Art war, widersetzte er sich ihm auch diesmal, anstatt flexibel zu bleiben und sich – wie die anderen Bäume auch – von ihm biegen zu lassen.

„Gib dich mir hin! Biege dich, sonst verletzt du dich an meiner Kraft!“, raunte der Wind dem jungen Baum zu.

Die Zypresse jedoch dachte nicht daran und stemmte sich in ihrer Sehnsucht nach dem Ozean mit aller Kraft gegen den kalten Wind. Dies kam sie in jener Nacht teuer zu stehen, denn sie zog sich einen nicht unbeträchtlichen Riss in ihrer Rinde zu. Der Schmerz nahm ihr das Bewusstsein und ließ sie in eine tiefe, schwarze Ohnmacht versinken, aus der sie erst am nächsten Morgen benommen wieder erwachte.

Sie spürte ihre Wunde und schickte ihr heilendes Harz dorthin, um sie zu verschließen. Ihr war klar, dass es eine Weile dauern würde, bis diese offene Stelle in ihrer Rinde wieder verheilte, und dass sie sich durch sie verletzlich gemacht hatte. Traurig senkte die junge Zypresse ihre Zweige und blickte auf das Meer hinaus, das wieder still und blauschillernd vor ihr lag. Sie fühlte eine große Welle von Sehnsucht aus ihrem Innersten bis in ihre Zweigspitzen steigen und rief dem Meer zu:

„Hier stehe ich, eine Zypresse, verwurzelt im Felsen, unbeweglich und starr. Keinen Millimeter kann ich mich von der Stelle rühren. Und möchte doch nichts mehr als zu dir kommen, dich erleben und mich von deinen Wellen umspülen lassen wie die Geschöpfe des Meeres auch. Meine Sehnsucht ist so groß, dass ich alles dafür tun würde, zu dir zu gelangen, und doch reicht selbst all meine Kraft, all mein Bemühen nicht aus, dir näherzukommen. Was kann ich nur tun, um dich endlich spüren und mit dir verschmelzen zu können?“

Zypresse und MeerDer Wind trug die klagenden Worte der Zypresse weit über das Wasser, wo sie irgendwann verhallten und sich im Geschrei der Möwen verloren. Erwartungsvoll blickte der junge Baum auf den Ozean, streckte seine Zweige wieder ein klein wenig nach ihm aus, doch dieser schwieg. Die Sonne begann sich am Horizont zu verfärben und in einem monumentalen Farbenspektakel unterzugehen. Doch an jenem Abend bemerkte die Zypresse davon nicht viel, so versunken war sie in ihren stillen Schmerz, dessen Dunkelheit sie ebenso einhüllte wie die Schwärze der Nacht.

Es war kurz vor Anbruch der Dämmerung, als die Einsamkeit der Zypresse am größten war. Sie fühlte sich allein und abgetrennt von allem, was sie liebte. Da zeigte sich ein erster schmaler Lichtstreifen am Himmel, und das Meer begann sich zu regen. Etwas war anders als vorher, und so hob die Zypresse ihre Zweige sanft an und lauschte. Und da hörte sie das Flüstern des Ozeans:

„Sieh nur, junger Baum, spüre und verstehe. Du kannst nicht zu mir kommen, weil ich schon bei dir bin. Du kannst mich nicht finden, weil du mich nie verloren hast. Ich bin nicht hier, weil du nicht dort bist. Wir sind in Ewigkeit verbunden, und ich bin in dir so wie du in mir bist. Siehe, spüre und verstehe.“

Die Zypresse fühlte plötzlich ein Kribbeln in ihren Wurzeln wie ein sanftes, aufsteigendes Knistern. Es war, als hätte sie ihre Wurzeln bisher noch nicht wirklich bewusst gespürt, weil sie all ihre Aufmerksamkeit immer auf ihre Zweige und ihren Wuchs gerichtet hatte. Wieder spürte sie eine sanfte, köstliche Welle aus ihren Wurzeln in sich aufsteigen, und da erkannte sie es: Es war das salzige, lebendige Wasser, das sie mit neuer Kraft versorgte. Nun wurde sie seiner endlich gewahr. Über ihre Wurzeln war sie eins mit dem Erdreich sowie mit dem Meer und würde es immer sein. Die junge Zypresse begriff schließlich, dass die Wurzeln, die sie zuvor verwünscht hatte, sie mit dem verbanden, wonach sie sich am allermeisten sehnte – mit dem Meer und dem Leben selbst. Die Freude und Erleichterung dieser Erkenntnis durchströmte die Zypresse von den Wurzelspitzen bis in ihre Äste und ließ sie in glückseliger Dankbarkeit erschauern.

Und wenn nun die wilden Sturmböen kamen und durch ihr Astwerk rauschten, dann gab sie sich ihnen hin, biegsam und glücklich, denn sie erkannte darin den Wiederhall des Meeresrauschens selbst.

Es ist eines der Mysterien des Lebens,
die es zu entschlüsseln gilt:
Dass die Essenz dessen,
was wir so sehnsuchtsvoll dort draußen suchen,
bereits tief in uns vorhanden ist.
Dort, im Innersten unseres Wesens,
ruht es verborgen, still und geduldig,
bis wir den Schleier beiseiteschieben,
um es zu sehen
und endlich Ruhe zu finden.

www.wortmalereien.com

Fotos: www.pixabay.com

Über die Autorin

Andrea Maier, ihres Zeichens WortMalerin, liebt das Spiel mit Worten in allen möglichen Variationen. In ihren Texten betrachtet sie die Dinge hinter den Dingen und stellt Fragen nach dem Wesentlichen. Bewusst leben bedeutet für sie unter anderem, gelegentlich innezuhalten und einen Blick hinter die Kulissen des Offensichtlichen zu tun.

Mit ihren buntschillernden und ausdrucksstarken Texten lädt die 1973 in Wien geborene Wortkünstlerin ihre Leser immer wieder ein, die Spielräume ihrer Vorstellungskraft auszuloten und sich inspirieren zu lassen, die Dinge des Lebens einmal auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten als der gewohnten. Andrea Maiers Bücher und Audio-CDs sind – neben vielen anderen Informationen über ihre umfangreichen Arbeiten – auf ihrer Autoren-Website www.wortmalereien.com zu finden.

4 Kommentare zu “Die Zypresse und das Meer – Eine Geschichte vom Suchen

  1. Der Baum ist eine Quelle der Inspiration,
    unermüdlicher Kraftspender,
    Sinnbild für Wachstum,
    Stärke und die ewige Erneuerung des Lebens im Kreislauf der Natur.

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